Drei Buchstaben, die den Blick verändern: Was die ICF für die tägliche Arbeit in der Eingliederungshilfe bedeutet.
Wer in der Eingliederungshilfe arbeitet, stößt früher oder später auf drei Buchstaben: ICF. Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit ist inzwischen die gemeinsame Sprache des ganzen Feldes – von den Leistungsträgern über die Gutachtenden bis zu uns in der täglichen Arbeit. Nur: Was heißt das eigentlich, wenn man nicht gerade im Gesamtplanverfahren sitzt?
Kurz gesagt: Die ICF fragt nicht in erster Linie danach, was jemandem fehlt, sondern wie jemand im Alltag zurechtkommt – oder eben nicht. Sie unterscheidet zwischen Körperfunktionen, Aktivitäten, Teilhabe und den Umweltfaktoren, die das Ganze beeinflussen. Für uns bedeutet das: Wir schauen nicht zuerst auf eine Diagnose, sondern auf konkrete Lebensbereiche – Wohnen, Mobilität, soziale Beziehungen, Selbstversorgung.
In der Praxis läuft das so ab: Bei jedem Menschen, den wir begleiten, geht es nicht um die Frage „Was hat diese Person?“, sondern um „Wo genau braucht sie Unterstützung, und wo nicht?“. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können völlig unterschiedliche Unterstützungsbedarfe haben – die eine kommt im eigenen Haushalt gut zurecht, hat aber Schwierigkeiten im Kontakt mit Behörden. Der andere braucht Hilfe beim Einkaufen, ist aber sozial gut vernetzt. Die ICF gibt uns die Struktur, das systematisch zu erfassen, statt es dem Zufall oder der Erfahrung Einzelner zu überlassen.
Das ist mehr als Verwaltungslogik. Es verändert die Haltung: Weg von „Was kann diese Person nicht?“, hin zu „Was braucht sie, um das zu tun, was sie tun möchte?“. Genau diese Perspektive verbindet uns mit den Leistungsträgern, mit denen wir arbeiten – die Sprache ist dieselbe, auch wenn die Rolle unterschiedlich ist.
Für unser Team bedeutet die Arbeit mit der ICF vor allem eines: genauer hinschauen, bevor man handelt. Wir haben deshalb intern Zeit investiert, um die Lebensbereiche der ICF nicht nur auf dem Papier zu kennen, sondern sie im Gespräch mit den von uns begleiteten Menschen auch anzuwenden – ohne dass sich das wie ein Fragebogen anfühlt. Das ist ein Lernprozess, der nicht mit einer Schulung abgeschlossen ist, sondern uns weiter begleitet.
Wer sich fachlich näher mit dem Thema beschäftigen möchte: Wir tauschen uns gerne dazu aus – auch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Trägern.
